Agile Werte und Prinzipien und wie diese im Unternehmensalltag umgesetzt werden können

Jörg Herbst

CEO

15.09.2020

Die Umsetzung von agilen Methoden wie Scrum oder Kanban in Unternehmen funktioniert nur im vollen Maße zufriedenstellend, wenn alle Mitarbeiter im Unternehmen bereit sind auch ein agiles Mindset zu entwickeln.

Diese These soll Sie nicht abschrecken, agile Methoden bei sich im Unternehmen einzuführen! Im Gegenteil – wir bei newcubator sind davon überzeugt, dass der Einsatz agiler Methoden insbesondere für Unternehmen, die digitale Produkte in ihr Portfolio aufnehmen möchten, unerlässlich sind. Wir wollen, dass Sie agile Methoden erfolgreich bei sich einführen und das maximale aus ihnen herausholen können. Und dies funktioniert nur, wenn Sie und Ihr Unternehmen agil denken lernen.

In unserem Beitrag “Was ist ein agiles Mindset?” sind wir bereits grob darauf eingegangen und haben Ihnen drei Beispiele gegeben, wie wir bei newcubator unser agiles Mindset leben.

In diesem Beitrag möchten wir nun noch ein wenig detaillierter auf die Werte eines agilen Mindsets eingehen. Dazu schauen wir uns im ersten Schritt das agile Manifest an und konkretisieren diese dann in einem zweiten Schritt mit den dazu gehörigen zwölf Prinzipien.

Das agile Manifest – die Basis des agilen Denkens

Ein agiles Mindset haben oder agil denken, ist zunächst etwas schwammig. Grob meint dies, sich nicht von bürokratischen Hürden aufhalten zu lassen, querzudenken sowie offen und flexibel zu sein.

Allerdings existiert bereits seit 2001 das sogenannte agile Manifest (im Original: “Manifesto for Agile Software Development” bzw. “Agile Manifesto”). In diesem Dokument hat eine Gruppe von 17 renommierten Softwareentwicklern, darunter Jeff Sutherland und Ken Schwaber (die Begründer des Scrum Frameworks), vier Leitsätze formuliert. Diese vier Leitsätze stellen Kompetenzen gegenüber und setzten sie in Relation zueinander.

Das agile Manifest lautet folgendermaßen:

Wir erschließen bessere Wege, Software zu entwickeln, indem wir es selbst tun und anderen dabei helfen. Durch diese Tätigkeit haben wir diese Werte zu schätzen gelernt:

Individuen und Interaktionen stehen über Prozessen und Werkzeugen

Funktionierende Software steht über einer umfassenden Dokumentation

Zusammenarbeit mit dem Kunden steht über der Vertragsverhandlung

Reagieren auf Veränderung steht über dem Befolgen eines Plans

Das heißt, obwohl wir die Werte auf der rechten Seite wichtig finden, schätzen wir die Werte auf der linken Seite höher ein.

Schauen wir uns die vier Leitsätze genauer an:

1. Individuen und Interaktionen sind wichtiger als Prozesse und Werkzeuge

Der erste Wert im agilen Manifest lautet „Individuen und Interaktionen über Prozesse und Werkzeuge“. Es ist leicht zu verstehen: Menschen werden bei der agilen Denkweise wichtiger bewertet als Tools oder Prozesse. So kann ein noch so gut definierter Prozess den direkten Austausch zwischen Menschen niemals ersetzen. Agile Teams sitzen daher auch meist räumlich sehr nah beieinander, so dass der unmittelbare Austausch gefördert wird.

An dieser Stelle sei aber noch einmal auf die Relation hingewiesen. Auch Prozesse und Werkzeuge spielen im agilen Manifest eine Rolle und sollten in keinem Fall gar nicht beachtet werden. Sie sind lediglich in ihrer Rolle dem direkten Austausch untergeordnet.

2. Funktionierende Software ist wichtiger als umfassende Dokumentation

Früher wurde sehr viel Zeit für die Dokumentation des Produkts, für die Entwicklung und die endgültige Lieferung aufgewendet. Technische Spezifikationen, technische Anforderungen, Schnittstellendesigndokumente, Testpläne, Dokumentationspläne und Freigaben, waren häufig obligatorisch. Die Liste war umfangreich und ein Grund für die langen Verzögerungen in der Entwicklung.

Die agile Denkweise eliminiert die Dokumentation nicht, auch wenn dieser Punkt gerne als Freibrief für fehlende oder veraltete Dokumentation herhalten muss. Es geht darum dem Entwickler die eigene Arbeit so einfach wie möglich zu machen. Darum sollte auf alle überflüssige Dokumentation verzichtet werden. Die Entwicklung soll möglichst schnell ins Machen kommen und inkrementell funktionierende Software erstellen, die dann sukzessive weiterentwickelt wird.

3. Zusammenarbeit mit dem Kunden ist wichtiger als Vertragsverhandlungen

Wird Software in agilen Teams entwickelt, so sollte auch der Kunde so stark wie möglich in die Entwicklung eingebunden werden. Hier gilt ebenfalls eine möglichst unbürokratische Zusammenarbeit, die nicht durch kleinteilige Vertragsverhandlungen vom Ziel ablenken soll, eine möglichst nutzbringende Lösung zu entwickeln.

Wir bei newcubator versuchen diese beiden Themen so gut es geht zu trennen, sodass wir uns in den agilen Arbeitsmeetings mit unseren Kunden ganz auf die digitalen Produkte fokussieren können, die erstellt werden sollen. Vertragliche Themen lagern wir in separate Termine aus.

4. Reagieren auf Veränderungen ist wichtiger als das Befolgen eines Plans

Tatsächlich werden immer wieder Stimmen laut, die die Nutzung agiler Methoden als planloses Handeln benennen. Das stimmt nicht. Auch agiles Arbeiten verfolgt Ziele anhand von Plänen.

Im Fokus jedes agilen Teams steht die Wertschöpfung und das Ziel eben diese zu maximieren. In den Entwicklungsiterationen wird auf die Erreichung dieses Zieles hingearbeitet, in dem die Funktionen umgesetzt werden, die am meisten Wert versprechen.

Verändern sich z.B. Rahmenbedingungen, die dann dazu führen, dass andere Funktionen wertvoller werden oder verändert sich gar die Definition der Wertschöpfung, weil neue Informationen vorliegen, dann setzt die agile Denkweise voraus diese veränderten Gegebenheiten anzunehmen und die Pläne anzupassen.

Wie zwölf agile Prinzipien das agile Manifest untermauern

Um die Arbeitsweisen des agilen Manifests zu untermauern, sind zusätzlich zu den vier Leitsätzen zwölf Prinzipien veröffentlicht worden, die diese untermauern. Diese zwölf Prinzipien beschreiben noch einmal ausführlicher die agile Denkweise und dessen Prioritäten.

Unsere höchste Priorität ist es, den Kunden durch frühe und kontinuierliche Auslieferung wertvoller Software zufriedenzustellen: In den agilen Methoden geht es darum kundenzentriert zu arbeiten. Software soll nicht irgendeinen Zweck erfüllen, sondern genau den Zweck, den der Kunde am dringendsten erfüllt haben möchte.

Heiße Anforderungsänderungen selbst spät in der Entwicklung willkommen. Agile Prozesse nutzen Veränderungen zum Wettbewerbsvorteil des Kunden: es geht in der agilen Entwicklung darum das bestmögliche Produkt zu liefern. Wenn es dazu notwendig ist, Pläne zu ändern, dann wird dies auch getan. Es ist daher auch völlig denkbar sogar nach Go-Live eines Produkt die Richtung zu wechseln, wenn es den Kundennutzen verfehlt.

Liefere funktionierende Software regelmäßig innerhalb weniger Wochen oder Monate und bevorzuge dabei die kürzere Zeitspanne: eben weil agiles Arbeiten Flexibilität und Reaktionsgeschwindigkeit erfordert, ist es sinnvoll nicht zu lange Entwicklungszyklen einzuplanen. Stattdessen werden neue Funktionen häufig produktiv gestellt, getestet und zielgerichtet weiterentwickelt.

Fachexperten und Entwickler müssen während des Projektes täglich zusammenarbeiten: heterogene Teams, die im kontinuierlichen Austausch stehen und ihr Wissen miteinander teilen sind für den Projekterfolg essenziell.

Errichte Projekte rund um motivierte Individuen. Gib ihnen das Umfeld und die Unterstützung, die sie benötigen und vertraue darauf, dass sie die Aufgabe erledigen: agile Methoden setzen voraus, dass agile Teams eine Eigenmotivation entwickelt ihr Produkt zielgerichtet zu entwickeln. Dazu benötigen sie die entsprechenden Freiheiten zu entscheiden und testen zu können.

Die effizienteste und effektivste Methode, Informationen an und innerhalb eines Entwicklungsteams zu übermitteln, ist im Gespräch von Angesicht zu Angesicht: Entscheidungen sollen effizient und schnell getroffen werden, um das Produkt weitezuentwickeln. Die agilen Prinzipien sehen hier den direkten Austausch als wichtige Methode.

Funktionierende Software ist das wichtigste Fortschrittsmaß: schlussendlich ist und bleibt es das Ziel eines Entwicklungsteams Software zu entwickeln. Dementsprechend sollte diesem Ziel am meisten Wert zugesprochen werden, insofern sie wertvoll ist.

Agile Prozesse fördern nachhaltige Entwicklung. Die Auftraggeber, Entwickler und Benutzer sollten ein gleichmäßiges Tempo auf unbegrenzte Zeit halten können: auch wenn die Entwicklungszyklen im Scrum z.B. Sprints heißen, ist die agile Softwareentwicklung insgesamt ein Marathon, der eben in kleine Sprints unterteilt wird. Hier ist Konstanz wichtig.

Ständiges Augenmerk auf technische Exzellenz und gutes Design fördert Agilität: der Fokus eines agilen Teams liegt auf der Weiterentwicklung eines Produktes. Entsprechend ist es wichtig, während der Entwicklung auf Qualität zu achten. Qualitativ hochwertige Designs und Technik vermeiden Komplexität und Wartungsarbeiten, die die Weiterentwicklung verlangsamen.

Einfachheit -- die Kunst, die Menge nicht getaner Arbeit zu maximieren - ist essenziell: Effizienz ist in der agilen Denkweise immens wichtig. Es geht darum, das definierte Ziel zu erreichen, dafür wird alles was nötig ist getan – aber eben auch nur das.

Die besten Architekturen, Anforderungen und Entwürfe entstehen durch selbstorganisierte Teams: agile Teams entscheiden selbst, wie ihr Produkt aussehen soll. Sie setzen ihre eigene Produktvision um, testen und lernen und passen das Produkt dann ergebnisorientiert an.

In regelmäßigen Abständen reflektiert das Team, wie es effektiver werden kann und passt sein Verhalten entsprechend an: “Inspect and adapt” ist eines der wichtigsten Instrumente in agilen Methoden. Es geht darum, sich selbst und sein Produkt regelmäßig zu reflektieren, Maßnahmen zur Verbesserung zu identifizieren und diese umzusetzen.

Agile Denkweisen in der Praxis erfordern umdenken

Vier Leitsätze und zwölf Prinzipien wirken auf den ersten Blick vielleicht etwas erschlagend. Vielleicht zweifeln Sie nach diesem Beitrag nun daran, ob dies so überhaupt umsetzbar ist?

Kurz gesagt: ja, ist es!

Die Übernahme agiler Denkweisen erfordert umdenken und ein wenig Zeit. Eventuell bedingt es sogar einen temporären Effizienzverlust, da das Team erst lernen muss, agil zu sein. Zeigt man hier etwas Geduld und bleibt am Ball, geht die agile Denkweise schon bald in Fleisch und Blut über (ähnlich wie beim Autofahren).

Eine gute Möglichkeit agile Denkweisen im Unternehmen einzuführen, ist es, ein externes, agiles Team temporär zu beschäftigen. Während der Umsetzung eines digitalen Produkts werden Sie und Ihr Team eingebunden und lernen so konkret agiles Denken in der Praxis. Im Anschluss haben Sie dann nicht nur agile Denkweisen in Ihr Unternehmen gepflanzt, sondern auch noch ein Produkt entwickelt.

Wir setzen uns gerne mit Ihnen zusammen und besprechen ein solches Vorgehensmodell. Kontaktieren Sie uns unverbindlich.